Josef Dreisörner

Jahrgang 1967, gelernter Fotograf, Fotofachlaborant, Grafik-Designer

Inbetriebnahme der Klimsch-Praktika

Die Kamera wieder in Betrieb zu setzen war gar nicht einmal ein großes Problem. Da es sich um eine rein mechanische Kamera handelt, mussten lediglich die schadhaften Teile repariert oder erneuert werden. Es gab keinen Bauplan mehr für die Kamera, so dass wir sie im Trial and Error Verfahren zusammenbauen mussten. Ich kenne jedoch solche Kameras noch aus meiner Lehrzeit – hatte daher einen ungefähren Plan. Die größte Herausforderung war das spezial Schwarzweiss-Fotopapier. Dieses Fotopapier reagiert total anders, als alles andere fotografische Material mit dem ich je gearbeitet habe. Sein Verhalten in Bezug auf Belichtung, Kontrast, Entwickler, Entwicklungszeit und Entwicklertemperatur waren eine echte Herausforderung. Bei einer Empfindlichkeit von nur 3 ISO (vgl. analoger Standard-Film 100 ISO) hatte ich auch noch zu wenig Aufnahmelicht. Eine handelsübliche Blitzanlage reichte für die richtige Belichtung nicht aus. Eine Spezialanfertigung durch einen Hersteller sorgte dann für ausreichende Fotobeleuchtung. Nach unzähligen Tests habe ich es dann endlich geschafft das Papier und somit die Kamera in den Griff zu bekommen.

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Portraitfotografie mit der Großformatkamera

In der analogen Produkt-, Sach- und Architekturfotografie arbeitete man früher immer mit sogenannten Großformat-Kameras. Denn je größer das Aufnahmeformat, desto besser war später die Auflösung/Qualität z.B. als Plakat auf einer Litfaßsäule. Durch den fehlenden Sucher und die unhandliche Bauweise wurden diese Kameras in der Portraitfotografie nicht genutzt – von uns jungen experimentierfreudigen Fotografen natürlich schon. Portraits die ich damals zum Spaß damit fotografierte hatten wegen ihrer ebenso hohen Detailgenauigkeit/Auflösung eine spezielle Bildwirkung. Wie musste diese erst sein wenn man mit einem Aufnahmeformat 50×60 cm und dem spezial Schwarzweiss-Fotopapier arbeitet? Daher war mir von Anfang an klar, sollte ich mit dieser Kamera arbeiten, fotografiere ich damit Portraits. Nachdem ich dann einen Raum für die Kamera gefunden hatte, transportierte ich sie nach München und startete das Projekt.

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Das Klimschunikat – die einzigartige Bildanmutung

Durch das große Aufnahmeformat von 50×60 cm und dem sich daraus ergebenden Abbildungsmaßstab 1:1 oder höher, entsteht ein Bild mit sehr hoher Auflösung und Detailgenauigkeit, mit extrem hoher Schärfe, aber auch Unschärfe. Dieses Wechselspiel zwischen extremer Schärfe und Unschärfe, die sehr hohe Detailgenauigkeit und das spezielle Schwarzweiss-Fotopapier verleihen dem Bild seine Einzigartigkeit. Über eines muss man sich jedoch im klaren sein: Die Kamera sieht in den scharfen Bildbereichen alles, und das erfordert Mut zu sich selbst. Interessant ist auch die Selbstinszenierung. Zu Beginn kann ich das Modell noch durch die Mattscheibe sehen und ins richtige Licht rücken. Wegen des fehlenden Kamerasuchers kann ich das Modell nach Montage des Fotopapiers jedoch nicht mehr sehen. Ich habe keinen Einfluss mehr auf dessen Mimik. Jetzt beginnt die Selbstinszenierung. Über einen kleinen Monitor kann sich das Modell sehen. Nun entscheidet das Modell, wie es sich selbst sieht und fotografiert sein möchte – bestimmt den perfekten Augenblick und betätigt dann selbst den Auslöser. Durch die direkte Belichtung auf Fotopapier gibt es, wie in der Malerei, immer nur ein Original.

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Die Galerie

Ich finde Bilder von älteren Menschen am interessantesten. Bei guten Portraits erzählen die Gesichter ein ganzes Leben. Bei einem Klimschunikat Portrait wird diese Geschichte, durch die einzigartige Bildwirkung nochmals verstärkt.